Die Großen gehen leise
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Die Großen gehen leise

31.05.2024 | 2. Herren

Wenn am Sonntag, den 02.06. in Wormstedt Schiedsrichter Justin Fritsch gegen 14:45 Uhr ein letztes Mal seine Pfeife erklingen lässt, endet nicht nur das letzte Spiel der zweiten Mannschaft des VfB Oberweimar in einer ganz und gar außergewöhnlichen Saison.

Einer Saison, die den geneigten Betrachter sprachlos zurücklässt ob der Lockerheit, ob des Spaßes, ob der Selbstverständlichkeit, mit der sich dieses Team zunächst selbst schuf, sich dann rasant entwickelte und schlussendlich mit einem im Vorfeld niemals zu erwartenden Aufstieg belohnte.

Einer Saison, die getragen von reiner Freude mit dem finalen Pfiff eigentlich nichts anderes verdient als ebenjene reine Freude.

Und doch werden es nicht nur Freudentränen sein, die im Lichte des Aufstiegs auf den Wangen glänzen. Es wird sich mehr als nur eine salzige Träne des Abschieds darunter mischen.

Denn es geht nicht nur die Saison 2023/24. Es geht nicht nur eine Saison, die in fetten Lettern in die Chronik des wundervollsten Vereins der Welt gepresst gehört.

Es geht ein wundervoller Spieler.
Es geht ein wundervoller Mensch.
Krummi geht.

Der Bühnenbauer verlässt die große Bühne Kreisfußball.

Der Weimarer Hrubesch köpft seine Schuhe endgültig an den Nagel.

Es ist nicht leicht, etwas zu finden, das einem an guten Tagen bedeutsamer erscheint als 90min Kreisfußball auf einer holprigen Streuobstwiese auf einem beliebigen Dorf, das man ohne google maps nicht zu finden im Stande wäre. Es gibt gute Gründe dafür, dass es Millionen Menschen Woche für Woche auf die Sportplätze des Landes treibt, um Spiele zu spielen, deren Verlauf und deren Ergebnisse an Egalheit nicht zu übertreffen sein könnten.

Es ist 2024, es findet die EM im eigenen Land statt, der BVB steht im Championsleaguefinale, Leverkusen im Endspiel der Europaleague, Olympia ist auch, aber hey…Oberweimar 2 schlägt Kromsdorf 2 in einem engen Spitzenspiel der 2. Kreisklasse knapp mit 1:0.  

Come on, who cares? Wayne interessiert’s?

Einfache Antwort: Uns!

Das wahre Faszinosum, das verbindende am Fußball ist die Tatsache, dass er es schafft, Woche für Woche Millionen Sportlern und Unsportlern den festen Glauben zu geben, dass es um nicht weniger ginge als um das eigene kleine EM-Finale. Dass wir Woche für Woche um den eigenen kleinen Championsleaguetitel spielen, den eigenen kleinen olympischen Gedanken träumen. „Schatz, wir können am Wochenende nicht zu Oma, ich kann die Jungs nicht hängen lassen. Frankendorf 2 kommt, es geht um alles.“

 So oder ähnlich muss es Krummi die letzten Jahre gegangen sein. Er kam nicht von seinem Sport los. Er kam nicht von uns los.

Trotz Wohnsitzes in der guten der zwei Thüringer Großstädte zog es ihn immer wieder zu uns.

Die 2. Kreisklasse, das Methadon des Kreisoberligaspielers.

Ein Mann der ersten Stunde. Einer derjenigen, die vor wenigen Jahren das Herz am rechten Fleck trugen. Ein letztes großes Abenteuer. Den VfB Oberweimar zurück auf die Landkarte des Weimarer Männerfußballs zu rücken.

Und wie er geliefert hat.

Ich muss lange zurückblättern in den Geschichtsbüchern des Weimarer Fußballs (fupa.net), um mich meines ersten Spiels an Krummis Seite zu besinnen.

1. Kreisklasse Nord. Saison 2012/2013. SG FC Empor 06 II gegen Medizin Bad Sulza. Was für ein Team. Holecek, Oschmann, Böhm, David. Dazu zweimal Henke. Zweimal Bahr. Ein gewisser Reich. Ein Spieler Stahl. Am Ende zu einem nie gefährdeten 3:0 gecoacht von Durand. Ein Kader, wie gemalt von Goethes feiner Feder. Das Weimarer Ascheballett von Platz 2. Jeder mit einem festen Platz in meiner Erinnerung. Doch einer brannte sich schon beim ersten Aufeinandertreffen woanders ein. In meinem Herzen.

„Wer ist denn der geistesgestörte Stürmer da vorn, der ab Kniehöhe alles mit dem Kopf nimmt und sich in alles reinschmeißt, das nicht bei drei im Asbach liegt!?“ So oder so ähnlich werde ich Philippe nach diesem Phänomen befragt haben. Wild, aggressiv, laut. So lernte ich den jungen Krummi kennen. Und torgeil. Er traf einfach immer. Wenn Du nicht mehr weiterweißt, schieß Krummi an den Kopf. Der macht das schon. Nie sah ich einen so kleinen Stürmer, der solch eine Überlegenheit in der Luft ausstrahlte. Ein Timing wie die DeutscheBahn. Nur andersrum.

Das Kopfballspiel ist ihm geblieben. So verhalf er uns auch auf seine alten Tage zum Erfolg. Führte sein letztes großes Abenteuer zu zwei Aufstiegen.

Aber nicht mehr als der wilde, aggressive, laute Krummi.

Aus Martin Krummrich wurde Martin Schmid. Und Martin Schmid wurde erwachsen. Er reifte mit uns, wurde ruhiger, besonnener. Seine wunderbare Familie hat das Beste an ihm zu Tage gefördert. Einen liebevollen, einen wohlwollenden Krummi. Einen Krummi, der den jungen Kerlen mit Rat zur Seite steht und mit Tat voranmarschiert. Einen Krummi, der von ausnahmslos jedem wertgeschätzt wird. Einen Krummi, der einen Stellenwert genießt, den er ob seines bescheidenen Wesens niemals beanspruchen würde.

Seine Frau, seine zwei Kinder haben ihn zu diesem Krummi gemacht.

Und deshalb ist es nur recht und billig, dass er seine Familie nunmehr endgültig in den Vordergrund stellt.

So sehr es uns schmerzt.  

Mach’s noch einmal, Krummi.
Und dann mach’s gut.

Aber bleib uns gewogen.

Es war mir ein ganz besonderes Vergnügen.

Michael Wenk


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