12.05.2026
Wenn am 8. Mai viele Rennsteigläuferinnen und
Rennsteigläufer im Thüringer Wald anreisen, dann sind
16 Wanderfreunde, davon acht mit Sehbeeinträchtigung schon den
dritten Tag von Hörschel aus unterwegs, um am Freitag Oberhof
zu erreichen.
Sie haben geplant, den ca. 170 Kilometer langen Rennsteig, von
Hörschel bis Blankenstein in acht Tagen zu
bewältigen. Ein ganz besonderer Höhepunkt wird die
Teilnahme am GutsMuths Rennsteiglauf auf der 17,5 Kilometer langen
Köstritzer Wanderroute am 9. Mai sein, wenn sie mit tausenden
Wanderfreundinnen und Wanderfreuden zum schönsten Ziel der
Welt in Schmiedefeld unterwegs sein werden.

Alle Mitglieder
der Gruppe schafften die 17 km beim 53. Rennsteiglauf. (Foto Klaus
Kinski)
Zu den weniger bekannten Besonderheiten des Rennsteiglaufs
gehört, dass schon seit Jahren Blinde oder stark
sehgeschädigte Läuferinnen und Läufer dabei
sind. Nicht zu Unrecht wird der Rennsteiglauf als „Europas
größter Cross“ apostrophiert, was es
blinden Läufern nicht leicht macht. Die 1968 in Jena geborene
Ulrike Wilhelm wurde schon zeitig durch ihren Vater, Wilfried
Leusenrink, für den Rennsteiglauf begeistert. Sie hat
inzwischen 28 Mal den Rennsteiglauf, meist auf der Marathonstrecke
geschafft. Bedenkt man, dass sie eine angeborene Augenkrankheit
(Aniridie) hat und bis um 2000 nur 10% Sehkraft besaß, so
kann man diese Leistung nicht hoch genug bewerten. Inzwischen ist sie
auf einem Auge blind, und das andere hat noch ein Prozent Sehkraft. In
diesem Jahr ist sie auf der Halbmarathonstrecke und ihr Guide ist Anne
Kreißig aus Zöblitz. Sie startet erstmalig beim
Rennsteiglauf. Ulrike findet es großartig, dass sie in diesem
Jahr beim Rennsteiglauf laut Aussage vom Organisationsbüro im
vorderen Startblock starten darf. „Das ist Inklusion. So ist
die Ansage des Guide erheblich leichter, weniger Hürden und
Gefahren für alle“, sagt sie.
Erstmals nahm 1983 ein Blinder offiziell am Rennsteiglauf teil. Ruppert
Liedke führt seinen Freund Gerd Franzka aus
Königswusterhausen über die 45km-Strecke in
fünf Stunden 30 Minuten. Zum 27. GutsMuths-Rennsteiglauf 1999
war es die blinde Verena Bentele aus Oberhof, (Blinden Weltmeisterin im
Skilanglauf), die mit Begleitläufer Ralf Schmidt den
Halbmarathon bewältigte.

Ulrike Wilhelm
beim Eintrag ins Ehrenbuch des Rennsteiglaufs nach ihrem
25. Rennsteiglauf (Foto Rennsteiglaufarchiv)
Die Wandergruppe 2026 um Anne Kinski, deren Vater Klaus mit 30
Teilnahmen zu den Rennsteiglauf-Traditionsläufern
gehört, steht unter der Schirmherrschaft vom Trainer der
Blindenfußballmannschaft von Borussia Dortmund, die im
vergangenen Jahr Deutscher Meister geworden ist. Die fast erblindete
Anne Kinski hatte 2022 schon ein sportliches Zeichen gesetzt, als sie
600 Kilometer, von Dresden bis Hamburg auf der Elbe ruderte. Damals
sammelte sie Gelder zur Erforschung ihrer seltenen degenerativen
Netzhauterkrankung. Organisiert hatte die Tour Ulrich Kons,
Achter-Olympiasieger von 1980.
Den organisatorischen Hauptteil in diesem Jahr, insbesondere das Suchen
und Finden passender Unterkünfte entlang der Strecke, hat
Klaus Dieter Schüler vom Alpenverein, Sektion Dortmund,
übernommen. Er ist auf inklusive Wanderungen spezialisiert.
Mit der Aktion will die Gruppe zeigen, was möglich ist, wenn
Menschen zusammenhalten. „Gemeinsam läuft es, egal
wie du es siehst.“
Folgende Etappen sind geplant:
6.5 Mittwoch Hörschel - Ascherbrück
7.5 Donnerstag bis zum Heuberghaus-Friedrichroda
8.5 Freitag bis Oberhof
9.5 Samstag Oberhof-Schmiedefeld (Rennsteiglauf)
10.5 Sonntag bis Masserberg
11.5 Montag bis Neuhaus
12.5 Dienstag bis Steinbach am Wald
13.5 Mittwoch zum Ende des Rennsteigs in Blankenstein
Auf dem Teilstück von Oberhof bis Schmiedefeld wird sie
streckenweise vom Rennsteiglaufmitgründer Hans-Georg Kremer
begleitet.
Insgesamt ist dies eine „rekordwürdige“
Aktion, die in die Annalen der sportlichen Geschichte des Rennsteigs
eingeht. Anfang der 1990er Jahre hatte der
GutsMuths-Rennsteiglaufverein begonnen, sportliche
„Höchstleistungen“ auf dem Rennsteig zu
sammeln. Bis 2016 wurden diese auch regelmäßig in
dem Buch „Who is who – Buch der
Rennsteigrekorde“ publiziert. Einige fanden auch Aufnahme in
das Jubiläumsbuch „50 Jahre
Rennsteiglauf“, welches kürzlich Sieger im
Wettbewerb des Landessportbundes „Sporthistorische
Publikationen“ ausgezeichnet wurde. Als Gruppenveranstaltung
steht seit 1994 unangefochten die Rekordwanderung über den
gesamten Rennsteig (168,3 km) am Stück mit sechs Teilnehmern
an vorderster Stelle.
Die Wanderung der blinden und sehbehinderten Wanderfreudinnen und
Wanderfreunde 2026, die vom Arbeitskreis Sport der „PRO
RETINA“ initiiert wurde, verbindet die sportliche
Herausforderung mit einem klaren gesellschaftlichen Anliegen: Gelebte
Inklusion sichtbar zu machen und wird in die Annalen des Rennsteigs
eingehen.
Hans-Georg Kremer
